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Mai

1. Mai 2001
Milder Abend. Vogelgesang wider die nahende Nacht. Eine Kreuzspinne webt ihr Netz vor der Laterne. Der rechte Platz für fette Beute, solange es das Wetter nicht zerschlägt.

Gelber Schein und müdes Regen aus den Stuben. Nicht so für einen Augenblick beim Studenten. Er schäkert wohl mit einem Mädchen. Nicht die Kleidung, die Frisur lässt darauf schließen, dass es ein Mädchen ist. Ist es die Mutterfrau, die ihm sein Zimmer sauber hält? Sie hebt ihn hoch und trägt ihn in die Kammer ... Welch ein Weib!

Er, das Bübchen, hängt an ihr ... Welch ein Mann!

Der Schnauzer sitzt in kurzer Hose auf der Couch, blickt in die Fernsehecke ... Ach sähe er sich nur in seiner Khakishort ... Welch ein Mann!

Wäschefalten bei den Namenlosen. Stillen und Fernsehschauen bei der Fernsehsüchtigen. Mückenflirren um die Laterne. Die Spinne tanzt in ihrem Netz, tanzt in den Mai ...

2. Mai 2001
Nacht. Laternenschein illuminiert das Spinnennetz. Es ist zum Teppich geworden. Übersät mit Mückenkadavern. Im Zentrum die Spinne als filigraner Knopf. Diese fette Beute wird sie nicht mehr verschlingen können. Womöglich wird sie gar geschmäcklerisch darüber. Ein Bisschen hier, ein Bisschen dort. Die saftigsten Chitinleichen zuerst.

Mit Gewalt stob das Leben in meine Gasse. Nicht in mein Gegenüber, sondern hundert Meter weiter zur Rechten. In die Wohnmaschine, in der es sich von je her in übler Weise regt. Einen Hort der Säufer und Verlorenen warf das Fatum und ein Architekt in den Sechzigern dort hin. Gestern Nacht fuhr das Leben mit dem Tod hinein in diese Schwäre. Eine Frau erstach ihren Mann, lief danach blutbeschmiert durch den Innenhof. Was mag sie alles erduldet haben, bis sie zur Furie wurde? Bis sie dem Schläger, ihrem entmenschten Entmenschlicher, den ekelerregenden Anhaucher, Anschreier, Anfasser, das Blut aus dem Leib stach? Bis es zu diesem sie befreienden vernichtenden Schnitt kam? Bis sie so besinnungslos war, den Hort der Abscheulichkeit mit dem Hort im Eisen zu tauschen? Wären Frauen nicht so duldsam, wäre so vielen nicht schon zur Kinderzeit Stolz und Selbstliebe herausgeprügelt, herausgeschändet worden, lebten in dieser Schwäre von Haus, hundert Meter zu meiner Rechten, etliche Mannsbilder gefährlich.

Über diesen Zeilen gingen mir gegenüber nacheinander die Lichter aus. Aus der offenen Zimmertüre des Schnauzers scheint schwach das Pinkellicht im Gang. Dämmerlicht noch bei der Fernsehsüchtigen. Sie wird es bald ausschalten. Danach wird nur noch die Laterne leuchten, sich weiter Mücken im davor gespannten Spinnennetz verfangen und durch mein Rollo wird mein Arbeitslicht als rotes Schlaglicht in die Gasse fallen. Rotes Licht, Blutlicht, Lebenslicht ...

3. Mai 2001
Ein kurzer Regenguss wusch das Spinnennetz aus, schwappte die Mückenkadaver in den Gully. Das Netz selbst hielt dem Guss stand. Jetzt lauert die Spinne vor der Laterne auf neue Beute. Doch die Mücken schwärmen nicht.

Die Rote ist wieder im Gemäuer. Ich sah ihre geöffneten Fenster, vorgezogene Gardinen verwehrten den Einblick. Ich sah sie hastig auf ihre Haustüre zueilen, in Giftgrün für Rote gewandet. Mit kurzem schnellen Schritt zog sie ihr Einkaufswägelchen. Der Eingang verschluckte sie und ihre Bewegung. Irgendwann waren die Fenster geschlossen, und nichts deutete mehr auf ihre Rückkunft.

Verwundert sah ich dem Studenten zu, wie er seine Fenster putzte. Der Grund hierfür saß wenig später in seiner Stube, seine Eltern. Eine Studentenblume haben sie ihm mitgebracht und auf die Fensterbank gestellt.

Schlafenszeit gegenüber. In der Bell Etage noch später Schein. Zubettgehen der Fernsehsüchtigen, Familienpalaver hinter Baumwolltuch beim Studenten. Aufgeschlagene Bücher bei den Namenlosen. Licht ohne Menschen. Eine Kulisse der Einsamkeit. Ich denke an das Gemälde "Nighthawks" von Edward Hopper und verwische die Verknüpfung sofort. Hopper malte Einsamkeit, indem er Menschen malte, Menschen wie Gegenstände in Räume setzte, Menschen ohne Bezug zu ihrer Umgebung, einsame Menschen. Hopper hätte nicht mein Gegenüber gemalt, sondern mich, wie ich zu ihm hinüberblicke, beschienen von meinem Bildschirm, eine einsame Seele in einer ihr fremden Welt.

4. Mai 2001
Es ist eine Lilie und keine Studentenblume, wie es in der Nacht schien, die mir gegenüber im Fenster steht. Eine Lilie für den Prinzen. Was gestern in der Verwechslung noch Witz besaß, ist bei Licht besehen banal.

Licht. Im Glanz der Sonne reicht mein Blick nicht über die Gasse, sondern heftet sich auf die grauen Flecken, die der Regen in den Staub auf meinen Scheiben zeichnete. Ein dichtes Muster, blaugrauer Fleckchen. In ihnen bricht sich das Licht zum Streulicht, überstrahlt meinen Bildschirm, die Schrift ist nur noch Ahnung. Noch wenige Tage, dann muss ich zum Schreiben mein Rollo senken. Ich werde mich darüber wie jeden Sommer grämen. Wenn mich die Arbeit schon im Haus hält, so mag ich mich nicht in den Schatten zwängen.

Licht. Es lohnt die Mühe nicht, den Schleier vor meinem Fenster zu durchbrechen, die mich blendende Lichtwand mit geschlitzten Augen zu durchbohren, um mich an der Verschlossenheit meines Gegenübers zu stören.

Ein neues Taubenpaar scheint sich unter der Traufe einzurichten. Diesmal nicht am alten verschrienen Nistplatz, sondern in der Mitte, ein Stück weit vor den Kupferzähnen. Ich sehe sie als schwarzgraue Schatten vor dunklen Kupferblech huschen.

Licht. Vielleicht sollte ich meine Scheiben putzen. Vielleicht. Indes wirkt der Blick auf den Staub der Scheibe nicht weniger beflügelnd. Ich denke über das Wetter nach, sehe Landschaften, Bewegung, Harmonie und Kontrapunkte und sehe meine Linien und Inseln, an denen meine Gedanken entlanggleiten und verweilen. Gedankenmuster im Sonnenschein, so schön können verschmutzte Scheiben sein.

5. Mai 2001
Hagel und Platzregen schwemmten das Spinnennetz davon. Abgewaschen liegt mein Gegenüber vor mir. Eindruckslos. Dunkel glotzen mich die Fenster an. Den Satz niedergeschrieben narrt mich der Leblose mit seiner Aquariumsbeleuchtung, gewährt mir Einblick in den kahlen Kubus, in dem er sich wohl fühlt. Die Frau des Schnauzers folgt ihm nach, dreht das Licht an und setzt sich zum Telefonieren in die Schreibtischkanzel. Beides sehe ich, und blicke darüber hinweg.

Auf dem Dach steht die Rote, pudelnass vom Regenguss, das Haar in dünnen Strähnen, das Kleid angeklatscht am hageren Körper, ihre Knochen zeichnen sich ab. Eine quicklebendige Wasserleiche. Sie hält die Arme ausgebreitet, dreht sich mit dem Wind und wartet auf den Mondaufgang, um sich in seinem Schein zu trocknen. Der fast volle Mond wird aufgehen, aber er wird nicht scheinen. Wolken verbergen die aufziehende Nacht. Also wird sie wieder zurück in den Kamin fahren und sich fröstelnd hinter ihren Gardinen verbergen. Dabei endet die Heizperiode erst zum 15. Mai, sie könnte sich noch an ihrem kalten Ofen wärmen.

Weitere Lichter sind hinzugekommen, funzeln vor sich hin. Es ist ein kalter, nasser Abend, zu dem man in seinem Zuhause die Höhle sucht, sich abschließt, in warme Decken kuschelt und sich am Weltuntergang erfreut. Hier in der Höhle mag man die Sintflut überstehen. Erlebte Mythen, wie ehedem und ewig während.

6. Mai 2001
Kalter Tag, kaltes Gegenüber. Die Rote steht auf dem Kamin, hat ihren Rock hochgehoben, auf dass sich ihr knochiger Hintern ebenso rötet, wie ihr Haar rot ist. Sie wird sich ihn blau frieren.

Ich könnte ihr ja hinüber rufen, welchem Missgeschick sie sich aussetzt, doch ich will sie nicht kompromittieren, schließlich wähnt sie sich bei ihrer drolligen Hexerei unsichtbar. Überhaupt sollte sie die Ausfahrten durch den Kamin bleiben lassen, sie beschmutzt sich nur mit Ruß und wird doch niemals über ihren First hinaussteigen. Dazu müsste sie zerpulverte Krötenzungen in frischer Schlangenpisse lösen, was sie jedoch nicht einsehen will. Sie ekelt sich vor Schlangen.

Nachtgrau fern ruht mein Gegenüber vor mir. Mein Blick ist müde. Nichts spricht ihn an. Eine anthrazitgraue Tafel werde ich malen, mit kräftigen kupferroten Wischern, die Rote in ihrem Gemäuer, und mit eisgrauen Sprenkeln werde ich die lähmende Kälte hinzusetzen.

Ich habe das rote Rollo gesenkt. Wärme umfasst mich. Mein Blick ist wieder bei mir.

7. Mai 2001
Grau filzt der Nachthimmel über dem First. Die Kamine stelen als dunkle Monolithe, sie scheinen sich zu einem Halbrund postiert zu haben. Keine Frage, sie bewegen sich in der Dunkelheit. Jetzt formen Sie eine Schleuse für die Nachtgeister, die gute und schlechte Träume mit sich führen. Hier teilt sich der Strom. Hier werden die Träume verteilt. Viele schöne Schwebeträume haben mich von dorther angeweht, doch auch manche Alben schlüpften zu mir durch. Gibt es mehr gute als schlechte Träume? Oder ist es wie sonst im Leben, man erhält, was man verdient? Das wäre ein schlechter Schlüssel, würden sich doch dann die Raffer und Schleimer die schönsten Träume krallen, während den Gerechten nur das Albdrücken bliebe. Dabei soll, glaubt man dem Volksmund, der Schlaf der Gerechtem selig sein. Demnach wäre der Schlaf, ein Vorgarten des Paradieses.

Belasse ich es dabei, und schreibe nicht, was mir dagegenspricht. Andernfalls würde ich mir den aparten Gedanken verderben. Der Schlaf ist der Vorgarten des Paradieses. Basta!

Still mein Gegenüber, dunkel und nachtlichtig. Welche Träume wird es heute Nacht beherbergen? Welche Träume werden zu Tage in ihm geträumt? Wer mag die Schäume deuten ...

8. Mai 2001
Aarongilb und Lilienblüte. Grauer Himmel, das Haus sandgelb. Sandgelb? Denke ich an die Goldene Bucht von Malta, wirkt mein Gegenüber blass, denke ich an den Strand von Sylt, scheint es mir zu satt.

Sylt. Ich blicke hinüber auf die Absprengung an den Ziegeln links der Gerüstöse. Dort liegt es, ein zementgraues Inselchen im gelben Ziegelmeer. Wären die Ziegel größer, könnte ich mit den Augen Pflastertreten spielen, so wie ich es auch heute noch gelegentlich tue. Allerdings klappt es nicht mehr so wie einst, die Füße sind seit 35 Jahren zu groß dafür. Gleichwohl lockt mich dieses Spiel immer wieder.

Was lockt mich heute an meinem Gegenüber? Wenig, sehr wenig. Es ist mir ein angenehmer Reflektor für das allmählich durchbrechende Sonnenlicht, mehr nicht. Mehr ist nicht. Die einzige Bewegung, die ich wahrnehme, ist der Schreibarm des Schnauzers in seiner kuhgescheckten Hausjacke. Gleichmäßig wandert er übers Papier und zieht zum Zeilenende den Kopf mit zur rechten Blattkante.

Sonst lockt mich nichts. Es ist zu hell, um Dinge zu sehen, die man sonst nicht sieht, und noch zu kühl, als dass mich die Mittagsgeister verwirren könnten. Also sehe ich die Rote nicht im Absonderlichen, ebenso wenig die anderen Gestalten dort. Und auch den Schnauzer sehe ich nicht an der Wand schaben, um sich einen Durchstoß zur Roten zu verschaffen. Dabei würde er so gerne seinen Kopf in den Anus der dort versammelten Weltweisheit drücken. Denn über so viel Weisheit verfügt auch er, dass an aller Weisheit doch nur wichtig ist, was am Ende dabei herauskommt.

9. Mai 2001
Die Fassade ist in den Schatten gerückt. Nur die Gauben schlagen noch steile Schatten auf die Dachschräge. Tauben und Menschen verbergen sich. Siesta? Nein, es ist noch zu kühl, um sich vor der Hitze zu flüchten. Es ist eher die alltägliche Flucht in die Beschäftigung, den Tag noch vor dem Abend nützen, Broterwerb und Zeitvertreib.

Indessen hat die Rote beschlossen, sich zu plätten und in die mütterliche Briefmarkensammlung einzureihen. Der Leblose liegt unbewegt vor seinem geöffneten Fenster und lüftet sein Skelett. Eine weise Voraussicht bei der zu erwartenden Mottenplage diesen Sommer. Der Schnauzer hat auf meinen Gedanken hin nun doch damit begonnen, die Brandmauern zum Nebenhaus aufzukratzen. Frau und Töchter helfen ihm dabei. Macht er den Durchbruch groß genug, kann er sowohl in die Etage der Roten als auch in die des Studenten kriechen.

Maienfrische lüftelt. Müde Geräusche in der Gasse. Eine Spinne hat ihr Netz links unten vor mein Fenster geknüpft. Grund genug, das Fensterputzen noch für eine Weile zu verschieben.

10. Mai 2001
Abendstimmung. Ein Stunde zuvor läuteten die Glocken von Sankt Maximilian zur Vesper. Mein Gegenüber strahlte rotgolden. Jetzt singen die Vögel ihr Nachtlied. Hoch im Himmel kreisen die Schwalben. Sandfarben mein Gegenüber.

Keine Bewegung. Unbewegt liegt der Schnauzer auf seiner Couch, hält die Arme hinterm Kopf verschränkt. Es scheinen lange Gedanken zu sein, denen er nachhängt. Rührt er sich, zerreißt der Faden und das Buch bleibt ungeschrieben. Ach, wie viele Bücher habe ich auf diese Weise schon verloren. Ein Anruf zur falschen Zeit und der Einfall zerstieb.

Mittags sah ich kurz die Rote hinter dem Hausmeister hereilen. In ihrer Hast verkürzt sie ihre Bewegungen, um die nächste rascher zu setzen, der schon wieder eine nächste folgt. Deshalb tippelt sie wie eine Chinesin, der man die Kindesbeine zu Teefüßchen wickelte. Sie indes muss niemand binden. Sie fesselt sich selbst.

Mit der aufkommenden Nacht rötet sich mein Gegenüber wieder. Stubenlichter flammen dazu, im passenden Ton, rotviolett beim Schnauzer, gelborange bei den Unscheinbaren, mandarin am Wickeltisch der Fernsehsüchtigen. Sie wickelt ihr Kind zur Nacht. Mutterblick. Abgeschaut aus unzähligen Seifenopern. Leben aus zweiter Hand.

11. Mai 2001
Nur kurz stand gegen Mittag die Tür des Schneiderladens auf. Ein junges Pärchen saß rauchend im Eingang. Die Schneiderin selbst war nicht zu sehen. Womöglich hat sie sich mit einer Nadel in den Finger gestochen und schläft nun hundert Jahre, bis sie ein Prinz wach küsst; sofern es dann noch Prinzen gibt. Prinzen und Pandabären sind rare und obendrein begattungsfaule Viecherl.

Grün geschmirgelt wirkt das Kupferdach. Die Rote ließ den Grünspan in Tuben kommen und mit abgelegten Feinstrumpfhosen auftragen. Hätte Sie ein wenig Feuchtigkeit dazugenommen, würde das Dach glänzen wie kaiserliche Jade und läge nicht so stumpf unter der Sonne. Würde sie ihre Schuhe entsprechend der Gepflogenheit putzen, wüsste sie davon. Sie würde den Lappen in Wasser tauchen, ehe sie die Schuhcreme aufnimmt. Risse im Leder würde sie mit einem Hirschknochen und Paste behandeln. Danach würde sie die Schuhe über Nacht auf dem Spanner ruhen lassen, um sie anderntags zu polieren. Erst mit dem Wollappen, dann mit einem abgelegten Nylonstrumpf und abschließend mit der Dachshaarbürste. So glänzen Schuhe schöner wie neu.

Ich werde ihr diese Zeilen in den Briefkasten stecken, und sie wird darauf das Dach wienern, dass es eine Pracht ist.

12. Mai 2001
Heute Mittag begegnete ich dem Schnauzer auf der Straße. Beide kamen wir aus unverhoffter Richtung, sahen uns an, lächelten, doch bis wir einander zuordnen konnten, waren wir am Gruß von Nachbar zu Nachbar aneinander vorbeigelaufen. Nun liegt seine jüngste Tochter auf der Couch und blickt in die Fernsehecke. Es wird der Grand Prix de la Chanson sein, der sie dort in Lauerstellung hält. Ein Blick zur Fernsehsüchtigen auch dort dasselbe Programm. Jedenfalls gleichen sich Blick und Haltung. Das große Bruderspiel, das auf einem anderen Kanal zu Ende geht, lockt derweil niemanden mehr vor die Glotze. Ein gutes Zeichen mag ich darin jedoch nicht erkennen. Morgen werden die Italiener ihren großen Bruder Berlusconi wählen. Es sind nicht mehr die Kälber, die sich ihren Metzger wählen, sondern die Tievie-Junkies, die sich ihren Dealer wählen.

Und so sehe ich mein Gegenüber in seltsamen Nachtblau vor mir und frage mich, woher das Licht kommt. Ist es der Widerschein meines Bildschirmes, ist es Feenwehen oder sind es die Träume der Roten? Ich meine fast, es ist der Alb der Roten, da es vor ihren Fenstern besonders kräftig bläut.

Nein, nein, lass dich nicht irre machen, es ist der Ausfluss der versammelten Weltweisheit, die dort drüben in ihrer Etage endlich zu Potte gekommen ist. Zu Potte kommen musste, da die Rote ihre Bleibe wieder beansprucht und die Weisen von Akasha zurückkehren werden in die hirnlähmende Kälte des Himalajas. Nun also bordet sie über, die Weisheit, schwappt in die Gasse, verflüchtigt sich und weht in alle Winde, verdünnt sich zur höchsten Potenz und wird darob nur Homöopathen erreichen. Nur sie sind in ihrem Glauben an Samuel Hahnemann ausreichend sensibilisiert für solche Dosen. Also werde ich Unwissender, ich Unberührter, rasch zum nächsten Hinterhofquacksalber eilen, - sei's drum, ob mit oder ohne Wehwehchen, gesund ist eh kein Mensch, kaum beginnt ein Leben, beginnt schon sein Verfall, - also werde ich dorthin eilen und mir die Weisheit, wieder niederpotenziert, in Globolis gepresst, unter der Zunge zergehen lassen.

Michelle singt in Kopenhagen, das Töchterchen des Schnauzers hat aufgegeben und den Fernseher ausgeschaltet. Ein kluges Kind ...

13. Mai 2001
Das Spinnennetz vor meinem Fenster glänzt im Sonnenschein. Zwei Handspannen breit spannt sich das feine Rad. Wind und Regen haben es ein wenig zerzaust, in seiner angewehten Brüchigkeit mutet es mich noch wundersamer an. Ein Flugzeug zeichnete eine weiße Linie in den Himmel, bereits beim zweiten Blick ist sie verweht.

Muttertag. Die Schnauzerfamilie zog mit Sack und Pack zum Picknick ins Grüne. Er in kurzen Hosen und Leiberl, als Bübchen verkleidet. Dafür hatten Mama und Tochter die langen Hosen an. Nach langer Zeit ein erster sonniger Sonntag. Heute sind Parkplätze in meiner Gasse wohlfeil. Ich liebe solche Sonnentage in der Stadt.

Was die Rote wohl treibt? Besucht sie nun die Mutter zu Kuchen und Kaffee im Altersheim, oder mit einem Sträußerl auf dem Friedhof? Nachdem niemand mehr Trauer trägt, stellen sich solche Gedanken ein und bleiben Kondolenzen aus.

Sonnenkreise auf meinem Gegenüber. Lichtgescheckte Fassade vom Widerschein meiner Seite. Schatten an den Simsstreben. Schatten zur Unzeit. Die Sonne scheint mir auf den Bauch, überblendet den Bildschirm, meine Worte fallen ins Unsichtbare. Widerwillig senke ich mein Rollo, um den Text von gestern zu korrigieren.

14. Mai 2001
Schwefelgelbes Licht. Die Weltweisheit ist zur Hölle gefahren. Donnergrollen und ferner Blitz versprechen sich einen Heidenspaß. Es rumpelt und grollt und das Licht wird giftiggrün und doch bleibt ihr Spaß bescheiden. Der Regen schlenzt, schmiert den Staub von den Dächern, ist Abendlied nach einem warmen Tag.

Gegen Mittag standen zwei Männer vor meinem Fenster. In einem Korb, vom Kran gehoben, schraubten Sie an der Laterne, spannten neuen Kupferdraht über die Gasse und hängten die Lampe zurück. Der eine sah mal kurz zu mir herüber, kein Wimpernschlag und schon war seinen Blick verloren, entleert von Licht und Grund: Silberblick an mir vorbei, gleich der Katze, die ihr Spiegelbild nicht mehr beachtet. Der zweite war routinierter im Vorbeischauen; er musste nicht mehr wegschauen, weil er nicht mehr hinsah, wenn er hinsah. Er agierte wie ein Schauspieler im Schlaglicht. Sein Kreis ist seine Welt, alles andere - Kulisse.

Nun ist sie gespannt, die Kupferbrücke über die Gasse, fügt sich zum Braun des Rahmens, zum Schummerlicht des Schnauzers, und wird irgendwann und unbemerkt ein grüner Strich zwischen uns sein. Seine Töchter werden sich dann nicht mehr auf seiner Fernsehcouch lümmeln und wir werden immer noch nicht miteinander gesprochen haben. Und keinem wird die Veränderung auffallen. Der Draht wird eine Weile grün sein, dann werden wieder Männer vor meinem Fenster im dritten Stock stehen, um einen Draht zu tauschen ...

15. Mai 2001
Ein Wetterchen zieht auf, bleigrau, giftgrün und schwefelgelb. Ferne Blitze züngeln, gleich geplatzten Äderchen im Säufergesicht. Hei, drohendes Dunkeln, wie die Farben kippen, das Grün des Daches noch grüner, das Gelb der Ziegel so gallig. Regen fällt, in dicken Tropfen, der Duft von nassem Staub weht durch meinen Fensterspalt.

Gegenüber ein klares Bild. Licht vor weißer Wand. Nach oben hellgelb, zu den Seiten orange ausblutend. Tochter und Vater blättern einen Atlas, nun reden sie über Gott und die Welt. Es scheint ein großes Thema zu sein, denn ihre Hände führen große Gesten.

Schwefelgallig der Himmel, der Regen wird heftiger, die Luft ist um Grade kälter. Jetzt gießt es sintflutig, fette Strahlen, als sprudelten hundert Wasserhähne in dichter Formation.

Zum Wochenende stand in der Süddeutschen was über Autorenseiten, über die Tagebücher, von Hinz und Kunz im Netz. Die übliche Ironie, ein bisschen Geseier über Popliteratur ... mir soll es recht sein, für 2,50 pro 35 Anschläge, lässt sich leicht labern und die Vorurteile bedienen. "Für die meisten Menschen ist das Internet ein riesiger Müllhaufen. So einer wie am Stadtrand von Bombay. Die Benutzer klettern darauf rum - in der Hoffung, etwas Brauchbares zu finden," so Joseph Weizenbaum Quelle: http://www.facts.ch/stories/internet/0109_sz_int_weizenbaum.htm

Und Autoren pflanzen ihre Texte hinein, mitten hinein in den Müll, in der Hoffnung auf was? Auf Leser? Einen Leser im Netz zu finden, das ist wie Trüffelsuchen ohne Trüffelschwein. Und doch verwehen Sporen und wachsen Trüffeln ...

Das Gewitter ist vorbei, ein wenig schont es noch. Regennass eingespeckt gleitet mein Gegenüber in die Nacht. Ein wenig erinnert es mich an die schwarzpolierte Eiche düsterer Wohnstuben´... der Duft von ausgelassenem Speck steigt mir in die Nase ... unten, bei der Nachbarin brennt Erbsensuppe an.

16. Mai 2001
Die Fernsehsüchtige befreit ihr Kinderl vom Mittagsschiss, wickelt es zur Ausfahrt. Es ist immer der gleiche Weg, den sie den Wagen schiebt. Hinein in die Innenstadt, hinein in das nächste Kaufhaus, hinauf in die Fernsehabteilung, hin vor den Fernseher und glotzen. Und wieder hinaus an die frische Luft und hinein ins nächste Kaufhaus und hinauf zu den Fernsehern und irgendwann nach Hause und das durchgelüftete Kinderl vor dem Fernseher säugen. Praktisch so eine Brust, man muss nicht zum Breianrühren und Flaschenwärmen von der Glotze weg in die Küche.

Die Sonne rückt von meinem Gegenüber, noch ein schmales Scheinen an auskragenden Simsen. Die Eisheiligen sind vorbei, gestern war die kalte Sophie, heute ist Blumenpflanzen, Geranien, Petunien, Fuchsien. Nichts davon bei der Roten, nichts und einfach gar nichts. Die Fenster sind geschlossen, der Brauch gebrochen ... Für was diese Übertretung, diese Missachtung? Blumenpflanzen ist nach den Eisheiligen, davor pflanzen Verrückte und Besserwisser und danach die Verschlampten, die Nachäffer, die nie wissen, was der Brauch gebietet. So war es und so ist es, und nun das: Sie tanzt aus der Reihe. Dieses Jahr keine Blumen pflanzen, die einzige Möglichkeit für sie, sich aus der Affäre zu ziehen. Mal sehen, was uns blüht ...

Ein Täubchen sitzt auf dem Sims vor der Traufe. Sie haben sich nicht eingenistet, keine Schütte zusammengetragen, es ist ein Plätzchen zur Mittagszeit geworden, aber keine Bleibe. Lange blühte ohnehin nichts bei der Roten, schon Mitte September ließ sie die noch blühenden Kästen wieder von den Fenstersimsen räumen. Jetzt, wo ich bald ein dreiviertel Jahr mein Gegenüber betrachte, bemerke ich, wie wenig Bewegung ein Leben ist, wohl deshalb kann eine winzige Veränderung eine Welt verändern, ja aus den Angeln heben ...

17. Mai 2001
Ein seltener Anblick, bei den Namenlosen sitzt ein Mädchen im Fenster. Es telefoniert ... beim zweiten Blick ist wieder alles beim alten, menschenferne Wohnspuren, archäologische Hingeworfenheit ...

Die anhaltende Abwesenheit des Studenten bewahrt die Ordnung in seiner Stube. Die Lilie im Fenster ist verblüht. Die anhaltende Abwesenheit der Tauben auf dem Giebel des Fensters führt zu Ordnung; der Regen verwäscht den weißen Kot.

Die Schlafkammer daneben ist vom blauvioletten Vorhang verdeckt. Die anhaltende Verweigerung des Einblickes bewirkt, dass sich die Ordnung des einen Raumes als Vorstellung in den anderen Raum überträgt. Das Ungesehene erfährt Struktur durch das Gesehene, das Verwandte wird zur Entsprechung. So simpel ist Magie. Doch Vorsicht, das Einfache ist oft das Schwerere!

Daneben die Schlafkammer der Fernsehsüchtigen. Auch hier sind die Gardinen vorgeworfen. Baumwollfarben. Hier formt indes steter Einblick das Vermutete: das Kind schlafend in der Wiege, daneben das aufgeworfene Bett.

Der Comiczeichner schellt und kratzt meine Gedanken von der Oberfläche meines Gegenübers.

18. Mai 2001
Regenwolken aus Südwest, das Tief kreiselt gen Osten, bald wird die Sonne durchbrechen. Taube auf dem Schneebrecher. Mittagsweilen. Feuchte Patina am Dach, ein Farbenspiel in grün und braun und rost: Schmuckfarbe für Rote und Kastanienbraune, für grünäugige Mondweiber und weißhäutige Nymphen.

Im linken Augenwinkel das Kammerfenster der Mutterstube, es pendelt im Wind. Ein Holzkeil verhindert, dass es in den Rahmen fällt. In der Kammer daneben ist das Fenster gekippt. Zeichen der Anwesenheit, doch die Rote hält sich verborgen. Welches Gelübde mag sie nur in die Abgeschiedenheit, ins Verborgene zwingen? Ein Eid, von der Mutter abgetrotzt, nachdem die unkeusche Schwangerschaft im Verborgenen ausgetragen und das Bündel an ferne Verwandte gereicht wurde? Eine stattliche Alimente verbarg die Schande. Nein, denke dir was anderes aus, heute sind die Dramen simpler, kein verleugneter Kegel rührt noch die Herzen der Milchmädchen. Der leise Wahn, das Psychodrama will erzählt sein, die Geschichte vom verängstigten reichen Aschenputtel, dass in seiner Küche Linsen verliest, während sich unter seinem Kammerfenster, fesche Burschen aus unerhörter Liebe die Adern öffnen.

Das sind Dramen, die auch den Aidsbeauftragten der Stadt nicht unberührt lassen, schließlich könnte jemand in die verseuchte Plempe der verschmähten und selbstgemeuchelten Lustknaben tappen ... Ich sollte der Roten besser einen diskreten Hinweis geben.

Das Spinnennetz vor meinem Fenster ist vom Regen durchlöchert. Das Fragment hat die Spinne aufgegeben. Reparatur zwecklos. Dafür entfaltet sich im Studentenzimmer gegenüber das Gespinst des Wäscheständers. Ich werde meine Spinne hinübertragen, womöglich nährt sie sich auch von Filzläusen, Hausmilben und anderem Gekräuch.

Sonnenschein und weiße Wolkenwatte, das anfängliche Geschwätz vom Regen ist vergessen.

19. Mai 2001
Die Sonne rollt neben dem jenseitigen Kamin vom First. Kurzes Taubenscharren am Giebelfenster. Zwei Taubenpaare sind es, ein dunkles und ein blaugraues, die mein Gegenüber benisten wollen und sich doch dazu nicht entscheiden mögen.

Entschieden sind die Bierdimpfel, die von Ferne hupen und grölen. Sie werden sich diese Nacht besaufen und Schinkennudeln vor die Laternenpfähle kotzen. Der FC Bayern ist deutscher Fußballmeister geworden.

In meinem Gegenüber sprang darob niemand in die Höhe. Kein Fenster wurde aufgerissen, noch rot-weiße Fahnen geschwenkt. Die Fenster bleiben verschlossen, keine frische Luft weht hinein und keine überspannte Regung zieht hinaus.

Bei den Unscheinbaren sind seit Tagen die Rollos gesenkt, man liegt wohl eine Flugreise weit unter der selben Sonne, die hier den Mai kaum wärmt. Beim Leblosen steht seit gestern ein Fenster auf Kippe. Das einzig offene Fenster im Haus.

Gestern hat die Schneiderin ihren Laden geräumt. Ich sah sie nicht. Sah nur, dass das Tuch im Schaufenster fehlte, sah dann die leere Kleiderstange ... Aus. Sollte sie dereinst ins Scheinwerferlicht rücken, wird sie Cinderella-Geschichtchen von ihren Anfängen in meinem Gegenüber zu erzählen wissen ... Wie aber werden die Geschichten klingen, sollte sie als Änderungsschneiderin enden? Wie wird sie dann diese Zeit des Aufbruches schildern? ... Nicht das Geschehene schreibt Geschichten, sondern allein der gegenwärtige Blick zurück.

Gut, dass ich gestern die Spinne nicht hinübertrug in mein Gegenüber. Schöner und regelmäßiger als zuvor spannt sich ihr Netz vor meinem Fenster. Sie hat die Wetterschäden ausgebessert.

20. Mai 2001
Die Sonne ist untergegangen, bleiern der Himmel zwischen Abend und Nacht. Versonnen sitzt der Schnauzer auf seiner Couch. Er hält die Augen geschlossen, seine ganze Haltung ist Lauschen, Hinhören. Eine stille Gebärde, ein tonloses Bild, vielsagend für den, der hören kann, unverständlich für den Tauben.

Fernsehen zur Linken, ansonsten dunkle Laibungen, darunter, darüber, daneben. Heller die Höhlenglasungen dort, wo Tücher das Licht der Laterne reflektieren. Gelb das Scheinen, und doch nicht gelb. Es ist ein wächsernes Gebilde, zeigt zugleich Oberfläche und Tiefe und im Hinblick weder das eine noch das andere.

Ein Stern im hellen Nachtblau der aufziehenden Nacht. Er funkelt neben dem vom Stahlzylinder gekrönten Kamin. Brüchig und fehl am Platz wirkt die Stele neben solch himmlischen Glanz. Ein Stern: vermessen, benannt, katalogisiert, bekannt ... und doch ein Wunder.

Eine daumengroße Spinne wanderte um diesen Text, mir graute. Ruth fing sie ein und warf sie aus dem Fenster.

21. Mai 2001
Sonnenschein. Babywickeln. Sich auflösendes Spinnennetz vor meinem Fenster. Spinnweben im Fenster von der Zimmerspinne. Wetter zum spintisieren. Fahrige Gedanken wie Föhnstriche, die wider das Geschiebe über dem First wehen, das Gewölk auflösen und den Nordwind brechen.

Taubenhektik auf dem Traufensims. Es sind die Blaugrauen, die mal wieder so tun als ob ... Unter die Traufe schlüpfen, in die Rinne springen, Asterl tragen und mit den Köpferln wippen. Hektisch sind sie. Das Gescherr fügt sich dem Herr. Rote Hektik ums Gelege. Das wird keine Brut, das wird Krampf.

Fahrige Striche, hektischer Schiss vom Schneefänger aufs Blechdach gedrückt. Verwaschene Taubenkleckse, weißgraue Spuren auf bleigrauem Kupfer. Das wird keine Brut, wenn keine Zeit zum Koten bleibt. Wer beim Kacken nichts liest, hat keine Achtung vor Geschriebenem. Hektische Kacker bauen nur Scheiße.

Genug der assoziativen Schlenker. Verknüpfungen, Gedankensprünge, Einfälle und Hintertürgedanken, durch die Brust ins Auge, dreimal durch die kalte Küche ... mehr gibt mein Gegenüber nicht her. Ziegelsprünge, Einblicke hinter halbe Gardinen, Aufgeräumtheiten und Unordnungen. Nackter Oberarm des Schnauzer im Leiberl, im Licht daneben Todesblüte des gilbenden Aarons, fünf, sechs Blüten auf einmal, ein Totschlag vor vier Wochen, nur eine Minute weiter rechts ... und da klagst du über mangelndes Geschehen ... Von solchem Geschehen zehrten einstmals ganze Landschaften ...

22. Mai 2001
Flugzeuge ziehen abendrote Kondensstreifen in den Himmel. Über der Firstlinie schwenken sie von Wien kommend Richtung Frankfurt. Nebelahnen in der Gasse. Lichter unterm Dach. Zunächst taghelles Scheinen, dann Abendlichte. Rasche Farbwechsel. Der Himmel nun bleigrau mit blaugrauen Regenwolkentupfern. Entleerte Räume in der Etage des Leblosen. Ferienferne bei den Unscheinbaren daneben. Entspannter Blick über den First, dem fliehenden Tag hinterhergeschaut.

Vor meinem Fenster flammt die Laterne auf. Der Schnauzer, in kurzer Hose und Trägerhemdchen auf seiner Couch lümmelnd, winkt seiner Frau, das Rollo zu senken. Offenbar blendet ihn das Neon beim Blick in die Röhre. Unterm halb gesenkten Rolladen sehe ich nun seine nackten Extremitäten. Knochen, Muskel, Babyspeck.

Der Himmel hat sein Grau in kündendes Nachtblau getauscht. Ich nenne es die Marienstunde, diese kurze Weile zwischen Abend und Nacht, in der die ersten und die schönsten Sterne zu glitzern beginnen und der Himmel so mondenblau leuchtet wie der Mantel der Gottesmutter.

Einsame Lichter beim Leblosen. Mit dem Telefonhörer am Ohr tappt er durch die Aquariumsgaube. Es ist der zweite Blick, den ich an diesem Abend von ihm erhasche. So viel Leben auf einmal verwirrt mich. Ich senke mein Rollo, versperre mich den leblosen Eskapaden und verriegele meinen Blick vor dem Beinfleisch des Schnauzers.

23. Mai 2001
Die Sonne springt von der Fassade, steht senkrecht über der Gasse. Ein Täubchen wärmt sich am just verschatteten Blech.

Sie wissen, dass ich sie beobachte; dass ich über sie schreibe; dass ich ihre verborgenen Gedanke lese, sie ans Licht zerre; dass ich sie bloßstelle; dass ich sie verhöhne - dass ich mich verrate.

Darum verbergen sie sich. Weichen meinen Blicken aus. Rücken in den rückwärtigen Stuben zusammen. Verlassen die Häuser nur noch über die Hinterhöfe oder durch die Kanalisation. Tragen nichts mehr hinaus und nichts mehr hinein. Darum verlangsamen sie auch ihre Bewegungen, sobald sie mein Auge spüren. Bewegen sich in meinem Blick nur faultierartig, fügen sich als Schatten in den Hintergrund.

Keine Preisgabe mehr, keine angedeuteten Geheimnisse, indem sie sich nicht mehr zeigen, entziehen sie mir das Wort, bewahren sie mich vor meiner Bloßstellung. Welch ehrenwerte Gesellschaft!

Doch Halt! Ist das so? Ist das wirklich so? Oder ist es nicht doch ein infamer Streich, den sie dort drüben wider mich verabredeten? Ja gewiss, es ist ein böser Streich. Denn indem sie sich nicht mehr bewegen, mir alle Lebenszeichen verweigern, locken sie mich aus meiner Reserviertheit, zwingen mich zum Fabulieren und Deuten. Also kehre ich geschwätzig mein Innerstes nach Außen und entblöde mich, entblöde mich in aller Einfalt ...

Nein, ich werde mich künftig zwischen den Lamellen meines Rollos verstecken, meinen Kopf hinter den Bildschirmen versenken und um die Ecke linsen. Besser noch, ich male meine Scheiben schwarz an und kratze kleine Gucklöcher hinein. Ich werde sie überlisten da drüben. Sie werden ihre Hosen runter lassen und ich werde es sehen.

Die Rote hat ihre Fenster geschlossen. Nur ihr sommerbesprosster elfenbeinfarbener Unterarm war zu sehen. Es nützt ihr nichts. Der Hubschrauber von Pro 7 kreist über ihrem Hinterhof. Wir zehren Sie ans Licht, heute abend noch werden wir sie neben der Muttermumie im Fernsehen sehen.

24. Mai 2001
Ganz links außen lehnt ein Lebloser aus dem Dachfenster, raucht eine Zigarette oder mal keine und blickt dem Vatertag nach, der in die Nacht entschwindet. Nebelhauch dämpft das Licht in der Gasse. Mit dem Abend taucht er schleiernd auf; entsteigt keiner Wiese, keinem Wasser. Es ist nur der heiße Atem meines Gegenübers zu kühler Abendstunde, Zeitgedämpf. Eintagsfliegen schwirren um die Laterne.

Ich könnte einen Schlenker anbringen, um vom Triumphzug des FC Bayern zu erzählen und davon, dass ich nur ein paar Schritte entfernt in aller Ruhe beim Kaffee unter einer Linde saß, umschnattert von den Rotoren der Hubschrauber der Fernsehgesellschaften, abgelenkt durch ein Lektorat, Änderung und Sinn zusammensuchend, das Knattern überhörend. Freilich empfände ich solches Erzählen als zu konstruiert und werde deshalb diesen Schlenker vermeiden.

Ich blicke hinaus, mittlerweile ist es Nacht geworden; ein Fernsehspiel lenkte meinen Blick von der anderen Seite. Ich blicke hinüber, sehe nur noch spätes Licht bei der Fernsehsüchtigen. Auch dieser Vatertag ging ohne Exzess vor und in meinem Gegenüber vorüber. Sind die Menschen wirklich so brav geworden, oder war ich nur zu meiner Zeit so krass? – Als ich später vom Hofgarten kommend über den entleerten Marienplatz schlenderte, kehrten die Kehrmaschinen Mengen leerer Limonadenflaschen in ihren Bauch, nur wenige Bierdosen lagen dazwischen. Offensichtlich ist die Welt doch gründlich anders als uns Fernsehen und Boulevard erzählen. Man sagt ja auch, unser Kanzler wäre nur einen Meter sechzig groß und trüge Schuhe mit erhöhten Absätzen und gedoppelten Einlagen. Im Fernsehen sieht man das nicht.

Ich sollte mal die Fernsehsüchtige nach der Welt befragen. Es könnte ja sein, dass wir beide auf völlig unterschiedlichen Planeten leben ...

25. Mai 2001
Ihr Name wurde heute von der Scheibe gekratzt. Der Laden ist leer. Eine rote Hintergrundblende im Schaufenster senkt in die Leere nihilistische Tiefe. Das Intermezzo der Schneiderin ist vorüber. Drei, vier Jahre wirkte sie in meinem Gegenüber. Nähte Kleider, die ich nicht verstand, die jedoch ihr Publikum fanden. In ihren Arbeitspausen stand sie im Winter rauchend vor der Ladentür, im Sommer saß sie rauchend auf der Steinstufe. Mal plauderte sie mit Menschen, mal mit ihrem Händi. Sie schaute gezielt an uns vorbei, so erübrigte sich jeder Gruß.

Nun sitzt sie in Berlin vor einem Laden, raucht und plaudert und sieht gezielt an den Menschen um sich vorbei. Vorbei ... Das Spinnennetz in meiner Fensterecke ist wieder rund und löchrig.

Drei Blütenbälle blaue Hortensie im Fenster der Fernsehsüchtigen. Kleinpalmenspagat im Fenster neben dem Wickeltisch. Cremeweiß verhangene Schlafkammer, daneben blauviolett verhüllte Schlafkammer, daneben entleerte Studierstube. Weiter in der Flucht die Namenlosen, Gardine vor, Gardine zur Seite, Fenster offen, blau-weiß gestreifte Bettwäsche ... und so weiter und so weiter: Aufzeichnung der Bewegungslosigkeit.

Der Aaron im Fenster des Schnauzers scheint wirklich am verrecken zu sein. Sechs Blüten zähle ich über gelbem Blattwerk. Schiebt er die siebte Blüte, blüht ihm der Tod.

26. Mai 2001
Aufregung im Schnauzerzimmer. Der Schreibtisch wird gegen die Wand gerückt. Bücher und Schachteln dazugelegt. Im rechten Schatten wird gewerkt und geschraubt. Was sich ändert bleibt bis zur Nacht im Dunklen. Der Schnauzer selbst beteiligt sich nicht. Es ist seine Frau und ein fremdes Mannsbild. Erst nach dem Geschiebe stellt er sich dazu. Fasst sich an die Nase, Versicherung seines Hierseins. Dann spricht man im Dreieck, blickt um sich, öfters auf den Boden ... ein neuer Teppich soll es werden ...

Ohne die Lebendigkeit des Schnauzers, heute übrigens in Kniebundlederhosen, unbestrumpften Waden und knallblauem Polohemd ... Ohne seine sparsame Lebendigkeit, hätte ich heute wieder nur protokolliert: Fernsehsüchtige vor der Glotze; Rote versteckt; Student verschwunden; Lebloser leblos; Unscheinbare unscheinbar; Tauben nicht da, Dach gleichwohl weiter verkackt.

Bla bla, blubb. Ein Tag, ein Sonnentag, die Sonne auf ihrer Reise von Horizont zu Horizont, begleitet vom unsichtbaren Neumond, Lichtflecken zeichnend, zügiger Farbwechsel. Ein Tag, ein Sonnentag, ein Tag Leben, ein Tag Verfall, irgendwann, wenn niemand mehr die Tage zählt, wird der Wind die letzten Spuren tilgen, und irgendwann wenn alle Spuren verweht, wird die Sonne die Geschichtslosigkeit schlucken, und irgendwann wenn die Sonne verglimmt, wird ... wird nichts ... wird Schönheit ... Schönheit, die von Anbeginn in allem scheint ...

27. Mai 2001
Melancholie, bittersüße Melancholie ... Meine Stimmung ist danach, grau verhangene Todesliebe; das Wetter ist danach, grau verhangener Sonnenschein; mein Gegenüber ist danach, graue sonntägliche Bewegungslosigkeit; Trägheit, Unlust, das Werk fortzusetzen; Zerstörungslust, würde nur ein anderer das Schwert führen ...

Bittersüße Melancholie scheint auch dem Schnauzer in die Glieder gefahren zu sein. Im Trägerleibchen und grauer Short schlappt er durch seine Wohnung. Es ist der Kater vom gestrigen Fest, der ihn niederdrückt. Eine ansehnliche Zahl von Leuten waren seiner Einladung gefolgt, sie bewegten sich im Wohnzimmer nach der Musik, standen in der Küche und saßen bei Kerzenschein im Nebenzimmer. Bis in den Morgen hinein dauerte sein Fest und erst allmählich verloren sich seine Gäste.

Heute, um ein Jahr gealtert, rückte er unlustig seine Möbel wieder zurecht. Jetzt lümmelt er, um ein Jahr gealtert, behäbig, satt und erschlafft auf seiner Couch und glotzt in die Fernsehecke. Es ist das Loch, das er seinerzeit in die Mauer stemmte, das er im Blick behält. Er wartet darauf, dass die Rote zur Öffnung kriecht und vorsichtig zu ihm hinüber lugt. Sobald er sie im Blick hat, wird er sie auslachen und ihr die Zunge zeigen. Sie wird zurückschrecken und sich schämen, dass sie ertappt worden ist. Darüber wird sie ihre Empörung über das Loch in der Wand vergessen. Später wird es ihr peinlich sein, ihr verspäteten Ausdruck zu verleihen. Also wird das Loch in der Wand bleiben. Der Schnauzer wird es darauf wieder zukleistern. Der Scherz ist gelungen.

Ich werde die Melancholie in Rauch auflösen.

28. Mai 2001
Seit Stunden sitzt der schwarze Adler auf dem Schneefänger und putzt seine Federn. Eine Meise hat ihm aufs Gefieder geschissen, um ihm am Aufsteigen zu hindern. Er hatte Glück, dass ihn kein Meisenschwarm zukackte. Er wäre sonst für Fuchs und Katz an den Boden genagelt worden.

Nun ist der Adler eine Taube, und die Meise ist dieselbe Taube, die sich nicht aufs Gefieder, sondern ins Nest kackt. Und mein Gegenüber ist kein Taubenschlag, in dem es ein- und aus- und zugeht, sondern eine hübsche Fassade hinter der Menschen ihr Leben verlieren. Daher muss ich nicht warten bis es Nacht wird und das Leben auf die andere Seite flieht. Es wird es nicht tun, sondern dort bleiben, wo es gelebt wird. Daran ändert auch eine zwischendurch aufflatternde Taube nichts. Das Neugeborene macht sich in die Windeln, die Mutter der Roten ebenso oder nicht mehr: Zurück zu den Wurzeln, der Kreis des Lebens, Geburt und Wiedergeburt ... Nur ein Jahr lang muss man das ewig gleiche beäugen und ... Und was? Man löst ein Koan. Und wer ein Koan löste, weiß, dass er mit der Lösung allein bleibt.

Das Spinnennetz vor meinem Fenster scheint ein Klappnetz zu sein. Heute ist es nur noch eine fragile Ruine, wie schon so oft. Morgen wird es wieder rund und ein wenig löchrig sein, wie schon so oft. Vielleicht ist es eine junge unerfahrene Spinne, oder aber eine alte, deren Erfahrung nichts mehr taugt, da sie vergisst. Wie so oft.

29. Mai 2001
Laue Mainacht. Erstes Sommerahnen im luftigen Duft. Schläfrig mein Gegenüber. Nachtlicht bei der Fernsehsüchtigen. Allein bei der Gummiformerin noch wohliges Leben. Sie sitzt mit Freunden auf der Steinstufe vor ihrem Laden. Zuvor servierte sie noch im Mezzo um die Ecke. Jetzt sind die Hände abgetrocknet und halten die Zigarette zur Nacht. Beim Heimkommen grüßten wir uns über die Gasse. Es ist schön, sich zu grüßen. So ein Gruß ist ein Stück Heimat. Der verweigerte, gescheute Gruß ist Fremde und Lüge zugleich. Lüge, weil Scheu das Miteinander negiert.

Während des Tages knappe Bewegungen in der Etage der Roten. Lüften und unsichtbares Fensterschließen. Sie ist die einzige, die regelmäßig lüftet. Beim Schnauzer sah ich noch nie ein offenes Fenster. Doch! Gelegentlich stand das Oberlicht auf. Er scheint bei seiner sparsamen Tätigkeit nur wenig Luft zu verbrauchen. Oder ist er ein Autoerotiker, der sich an seinem eigenen Mief erregt? Vielleicht trägt er deshalb seine Hemden eine Woche lang oder bewegt sich so gerne im ärmelfreien Leibchen. Da er nicht raucht, wird sein Odeur für sich allein atemberaubend sein. Nur gut dass er die Fenster geschlossen hält, es könnte mich sonst über die Gasse hinweg ein anderes Düfterl anwehen ...

30. Mai 2001
Schreiben gegen die Sonne. Nur noch wenige Striche, dann wird sie durchs linke Fenstereck fallen, mich blenden und den Bildschirm überstrahlen. Endlich ein Wetter für mich. Noch drei Wochen wird die Sonne steigen. Dann hat sie ihren Zenit erreicht. – Denke nicht weiter, denn ihr Abstieg ist ebenso langsam wie ihr Aufstieg. Das Spinnennetz vor meinem Fenster ist wieder rund und löchrig.

Zuvor stand ich vor der Haustüre, wartend in der Sonne. Dann wechselte ich hinüber in den Schatten. Blickte in den ausgeräumten Schneiderladen. Die Reste der Einrichtung werden demontiert, bald wird er wieder leerer weißgestrichener Raum sein. Der leere Raum als Matrix für das Entstehende, gleich dem leeren Blatt, der leeren Leinwand, dem leeren Screen. Wer die Leere nicht achtet, wird ...? – weiß nichts von der Fülle!

Ich wechselte wieder auf diese Seite, um gleich darauf erneut den Schatten der jenseitigen aufzusuchen. Die Klingelschilder wollte ich sehen. Zum ersten Mal seit ich darüber schreibe, nach einem dreiviertel Jahr des Wähnens und Mutens, näherte ich mich dem Eingang meines Gegenübers, warf einen Blick auf seine Klingeltafel.

Vier Doktoren leben auf der anderen Seite. Also ein nachdenkliches Haus. Was noch? Mutter und Tochter tragen verschiedene Namen. Nichtsagend! Im Dach leben fünf Leblose. Vielsagend! Sehe ich doch immer nur den einen. Also doch eine Mutantenbrutanstalt unterm heißen Blechdach. Oder sind es die Namen der letzten vier Opfer, die er noch nicht vom Klingelschild kratzte. Erst wenn er sich einen weiteren Knaben unters Dach lockt, wird er den ältesten Namen von der Klingeltafel streichen. So erregt er keinen Verdacht. Und die Rote wird die Opferknochen weiter zu stärkenden Bouillons verkochen. Ach ja, kein Name für die rote Katze Parterre links. Beachtenswert!

Nichts neues also. Ich hätte ebenso gut auf meiner Seite bleiben können. Die Sonne ist mir auf den Bauch gerückt ... gleich wird sie mir ins Gesicht scheinen.

31. Mai 2001
Eisheilige vorbei, Schafskälte voraus, Sommer in Sicht, dieser Eisberg noch und dann ... Letzter Tag im Mai, Vorbereitung auf den Temperatursturz. Mit Donnerhall fällt ein Sturzregen nach dem anderen ... Siebenschläfer im Visier, Wetterprognose für die nächsten sieben Wochen. Ein verregneter Sommer ist noch hinnehmbar. Deren drei sind bereits ein gutes Stück Leben in Gummistiefeln. Manchmal denke ich darüber nach, wieso Menschen Eskimos werden konnten. Es muss uns offenbar noch mehr treiben, als schlechtes Wetter allein. So rasch brechen selbst Nomaden ihre Zelte nicht ab.

Mein Gegenüber ordentlich durchnässt und abgewaschen. Der Taubendreck nur noch kalkige Spuren. Ein solches Haus nährt und bindet. Stadtbauerntum. Großbauer, Kleinbauer, Häusler, Grattler. Ich lese von den Grabsteinen bei meinen Spaziergängen im aufgelassenen südlichen Friedhof: Realitätenbesitzer und Realitätenbesitzergattin. Haus und Hof, Weib und Kind und Kegel. Das ist es, was einen Menschen macht. Grundbesitzer, Hausbesitzer, Eigentumswohnungsbesitzer, Mieter, Untermieter, Obdachloser ... Hier Herr, da G'scherr.

Der Regen lässt nur wenig nach. Links im Dach steht ein Fenster offen. An der Zimmerdecke der Roten wird sich ein feuchter Fleck bilden. Er wird ihr wieder Gelegenheit geben, an ihrem Besitz zu leiden. Ja, es gibt Sorgen, an denen man gerne teilhaben möchte.