Hier stelle ich Ihnen allmonatlich einen Text von mir vor.
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Irrwege zur Spiritualität
- Den Traum der Erleuchtung lösen

Neuerscheinung. Auszug aus dem Kapitel
Gottesdienst zwischen Gottesfurcht und Schöpferliebe


Keine Frage, ein Gottesdienst ist für den Gläubigen erbauend, Körper, Geist und Seele werden durch die Liturgie belebt und gestärkt. Man sagt, Menschen, die beten, leben gesünder und genesen rascher als andere. Glaubenskraft hat demnach Anteil an der Salutogenese[1]. Ebenso bedingt Glaube jeden Gottesdienst ‑ der zudem eine Kulturleistung ist, die dem kreativen Vermögen der Menschheit über Jahrtausende hinweg Sinn und Anstoß war. So wurden zum Beispiel mit den Megalithtempeln die ersten steinernen Gebäude überhaupt für die Götter, ihre Priester und deren Gottesdienste errichtet.

Dieser Schöpfungsdrang zur Ehre Gottes geschah und setzt sich fort, weil sich der Mensch von dem Augenblick an, an dem er sich als Subjekt gegenüber Gott und der Welt zu begreifen begann, der Schöpfung entfremdete. Beinahe alle Kulturen haben diesen Prozess der Entfremdung in ihrer Kosmologie als einen Fall aus dem Paradies umschrieben. Seitdem sucht der Mensch die Rückbindung an die einstige Gemeinschaft mit der Gottheit und formuliert sein Sehnen nach dem verlorenen Heil in der Religion. Schließlich fand er sich nach seinem Auszug aus dem Garten Eden in einer unwägbaren und feindlichen Welt, mit Katastrophen, Krankheiten, Hunger und Not wieder. Die Ausbildung der Religionen entsprach seinem Bedürfnis nach dem Übervater, der ihm Schutz vor der Unbill der Natur gewähren sollte. In der Natur sah der Mensch die beiden Seiten des Numinosen, mal als Fülle und voll Lebensfreude, mal als Mangel und mit furchtbarer Zerstörungswut. Leben und Tod lagen so nahe beieinander, dass es geraten schien, sich mit den himmlischen Geistern auf Dauer gut zu stellen. Es war ein Buhlen um Gottes Liebe, dem man sich wie dem Patriarchen der Sippschaft unterwarf, um vor seinem Auge gefällig zu sein und vor Strafe und Missmut verschont zu bleiben. Diese gläubige Hinwendung war zugleich ein Bekenntnis, mit dem man seine Gemeinschaft zu seinem Stamm bezeugte. Aus diesem Grund bekam auch der Ablauf von Ritualen zunehmend Bedeutung, denn durch ihre Kenntnis oder Unkenntnis war man erkennbar Eingeweihter oder Fremder.

An diesen grundsätzlichen Motiven zum Gottesdienst hat sich bis heute nichts geändert. Soziale Bindung, irdisches Wohlergehen und Kommunikation mit dem Höchsten sind nach wie vor gute Gründe, um einen Gottesdienst aufzusuchen. Ebenso kräftigen sakrale Rituale die Gruppenbindung, wobei es sich hierbei keineswegs nur um landläufige Gottesdienste in Kirchen, Moscheen oder Synagogen handeln muss; manch einem ist die esoterische Teestunde längst gleichwertiger Ersatz geworden, bei der man über seine erfüllten und unerfüllten Wünsche an das Universum plaudert oder über die Kraft der letzten Reiki-Behandlung und die besondere Wirkung eines Heilsteines. Doch diese hier wie da sehr irdischen Formen des Gottesdienstes sollen uns in diesem Kapitel nicht weiter beschäftigen; vielmehr will ich der Frage nachgehen: „Was hat der liebe Gott von unserem Dienst?“

Mögliche Antworten wären: „Gott weiß durch unseren Gottesdienst, dass wir an ihn glauben. Gott sieht sich durch uns erkannt und weiß somit um unsere Ebenbildlichkeit und seine gelungene Schöpfung. Gott will mit uns kommunizieren und seine Gebote in uns wachhalten. Gott will seine himmlische Liebe mit uns teilen und uns auf den rechten Weg führen. Gott besiegt durch uns die Dunkelheit und kräftigt seine Herrschaft über seine Schöpfung. Gott will die Gerechten unter uns erwählen, um sie in seine Herrlichkeit einzulassen.“

Sofern dies das wäre, was sich Gott durch unseren Gottesdienst erhoffte, litte unser Gott ersichtlich an einer schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörung[2]. Dass diese Annahme ganz und gar nicht grundlos ist, lässt sich aus den Geboten lesen, die er Moses auf dem Berg Sinai übergab. Beschäftigen sich doch die ersten drei Gebote mit seiner Einzigartigkeit, seinem Leumund und seiner Verehrung.

Das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“

Das zweite Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht verunehren!“

Das dritte Gebot: „Du sollst den Feiertag heiligen!“

Da muss ich an meinen eigenen Vater denken; er war ein krankhafter Narziss von ähnlichem Ausmaß, weswegen wohl auch, da die Äpfel bekanntlich nicht weit vom Stamm fallen, das vierte Gebot in Fortsetzung der Litanei lautet: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!“ ‑ Nun, zumindest kann ich davon ableiten, was für ein bedrückendes Gefühl es sein muss, Gottes Sohn zu sein. Da kann man sich am Ende nur kreuzigen lassen, sofern es einem nicht gelingt, seiner patriarchalen Allmacht vorher durch Emanzipation zu entkommen.

Im übrigen ist dieser narzisstische Zug keineswegs nur eine Eigenschaft des abrahamitischen Gottes. Viele andere Götter waren und sind in ihrer ultimativen Forderung nach Verehrung nicht minder unbescheiden. Bei den Azteken floss das Blut der geopferten Menschen zu Gottes Ehre die Stufen der Pyramiden herab; der Tempel im antiken Jerusalem glich phasenweise einem Schlachthaus, wenn Jehova die Opfertiere dargebracht wurden; dagegen folgt dem Nichtgott Buddha die größte Heerschar an Mönchen in der Religionsgeschichte; allen Göttern gemeinsam ist ihr allzu menschlicher Drang zum Golde.

 

Er ist unser Gott und nicht der seinige

Doch keine Angst vor Blasphemie! Wollen wir nämlich unseren Göttern diese neurotische Seite nicht unterstellen, müssten wir uns eingestehen, dass nicht sie es sind, die diese Neurose für sich pflegen, sondern wir Menschen, die ihnen dieses Verlangen seit jeher andichten, so wie wir es auch waren, die sie in den Olymp hoben. Seit Anbeginn sind wir die Göttermacher, wir schufen sie uns zum Ebenbild, formten sie aus feuchtem Ton und hauchten ihnen unser Leben ein. So entstanden Patriarchen, die gleich unseren Vätern über ihre Abkömmlinge zu herrschen begannen. Nicht die Götter sind neurotisch, sondern wir, die wir ihnen unsere Allmachtsphantasien eingeben. Und dies ist unser Dienst an ihnen: Wir erhöhen sie, entfernen uns von ihnen und beten alsdann ihre Nähe herbei wie der Esel die ihm am Stöckchen vorgehaltene Möhre.

An diesem Punkt könnte ich dieses Kapitel eigentlich beenden, denn damit wäre alles gesagt, was Atheisten schon zu Christi Zeiten wussten: Die Götter werden vom Menschen geschaffen und nicht umgekehrt. Doch erklärt der Atheismus nicht das uns scheinbar eingeborene Verlangen, das Numinose zu verehren, seine Transzendenz zu behaupten und die Kommunikation mit ihm zu suchen. Warum wir dies auch heute noch tun, da wir längst zu jedem natürlichen Phänomen eine wissenschaftliche Erklärung parat haben und uns allenfalls das unberechenbare Walten der Natur noch zu schrecken vermag, lässt sich auch mit der Todesfurcht nicht erklären. Denn die Hoffnung auf ein mögliches Weiterleben nach dem Tode ist keine notwendige Voraussetzung für Religion und Spiritualität ‑ was unter anderem unsere pseudoreligiöse Wissenschaftsgläubigkeit belegt. Zudem gibt es genügend theologische Modelle, bei denen das endgültige Enden der eigenen Existenz ebenso tröstlich aufgefasst wird wie unsere abendländische Vorstellung von der leiblichen Auferstehung und der Rückkehr ins Paradies.

Eher dürfte es wohl das Gefühl der Eingebundenheit, das Wissen, dass wir als Geschöpfe Teil eines zusammenhängenden Ganzen sind, sein, das uns die vermutete Transzendenz nicht nur als eine weitere Ebene der Wirklichkeit, sondern als die einzig wahre, weil göttliche ‑ in patriarchaler Herrlichkeit erstrahlende ‑ Wirklichkeit erscheinen lässt. Schon fühlen wir uns selbst als beseelter Hauch im Äther des unbewegten Bewegers und erleben Freude und Dankbarkeit dem „Vater“ in Gestalt des Schöpfers gegenüber. Ein Umstand, den Sigmund Freud für die infantile Zwangsneurose der Menschheit hielt und auf den ödipalen Patriarchenmord der Ursippe zurückführte: „Es sind die Beziehungen der Hilflosigkeit des Kindes zu der sie fortsetzenden des Erwachsenen, so daß, wie zu erwarten stand, die psychoanalytische Motivierung der Religionsbildung der infantile Beitrag zu ihrer manifesten Motivierung wird.“[3] Und weiter: „Eher glaube ich, daß der Mensch, auch wenn er die Naturkräfte personifiziert, einem infantilen Vorbild folgt. Er hat an den Personen seiner ersten Umgebung gelernt, daß, wenn er eine Relation zu ihnen herstellt, dies der Weg ist, um sie zu beeinflussen, und darum behandelt er später in der gleichen Absicht alles andere, was ihm begegnet, wie jene Personen.“ Also machen wir Menschen, was wir stets getan haben und beugen im Gottesdienst gottgefällig unser Knie. Wohlwissend, dass wir dem Höchsten entstammen und folglich in Gotteskindschaft von Ihm fordern, mit Ihm hadern und schachern und gleichwohl immer wieder mit Versöhnung rechnen können.

Da wir Menschen jedoch nicht ganz so infantil sein wollen, wie es Freud uns unterstellte, kehren wir in der Beziehung zu unserem Gott seit jeher erwachsene Züge hervor. Ein passabler Zug hierfür war in der Vergangenheit, den Gotteszweifel zu überwinden, was mit logischen Schleifen leichthin möglich ist ‑ die mittelalterlichen Scholastiker waren darin meisterhaft. Viel simpler, dafür mit ebensoviel Glaubenskraft und keineswegs weniger logisch, erklärte mir eine erweckte Christin die Allgegenwart Gottes mit einem Satz: „Er ist da, weil wir zu ihm beten!“ Ein anderer adulter Zug war, dass man die eigene Gottesnatur als beseelenden Funken, Scintilla animae genannt, in sich erkannte. Womit man nicht wirklich von dieser Welt, sondern Ihm gleich in seelenfunkelnder Allgegenwärtigkeit war ‑ nur auf der irdischen Durchreise zur Vereinigung mit der himmlischen Ewigkeit. Dies war vor allem das Spiel der Gnostiker. Eleganter lösten die adulte Positionierung die Neuplatoniker. Sie waren nicht minder von ihrer Gottesnatur überzeugt, doch indem sie es verstanden, die Gottheit zu beschwören und ihre archontischen Emanationen[4] zu evozieren, pflegten sie direkten Kontakt zu dem Höchsten und demonstrierten so die sichtbare statt die spekulative Einheit mit Ihm. Dieses Erforschen der Gottheit durch Evokation galt ihnen als die magische Beherrschung der Welt. Im weiteren Zug wandten sie sich der konkreten Gottesforschung durch Naturbeobachtung zu und gründeten als Magier die Anfänge der modernen Naturwissenschaften. Ihr Umgang mit der Gottheit war oft sehr unverkrampft, weswegen sie auch weniger die Rituale als die konkreten Ergebnisse ihrer Forschung schätzten. Auch dies wurde als ein Gottesdienst verstanden, denn die Gottesebenbildlichkeit verlangte auch nach göttlicher Allwissenheit. Manch einer war gar damit beschäftigt, seinerseits die Schöpfung real zu wiederholen und einen Homunculus, ein Menschlein, zu erschaffen. Hierbei wurde bereits, wenn auch insgeheim, der Gottesdienst als Gottesopfer respektive Patriarchenmord angedacht; denn der Mensch als Menschenschöpfer verfügte nun als dritte Gottesgabe über die Allmächtigkeit. Heute rückt derlei Allmachtswahn vom Vorstellbaren zur Möglichkeit, dennoch wird nur ein kleiner Teil der Wissenschaftler zum Gottesmörder, vielmehr regt sich, je weiter Grenzen überschritten werden, Demut vor der Schöpfung in der Forscherseele. Da mag man sich fast fragen, ob der Schöpfer selbst nicht voller Demut sei? Ein Dienender dem Sein und somit auch dem ihm emanierten Geschöpf? Eine überirdische Betrachtung, die womöglich ein tatsächliches Erwachsenwerden gegenüber dem ewig Seienden ausdrückt. Doch bevor ich dieser möglichen Entwicklung weiter nachgehe, sollten wir den Gottesdienst als bekanntes Stereotyp nochmals näher beleuchten.

Für diese Betrachtung sollten wir uns vom Zeremoniellen abwenden, das wie gesagt ohnehin eher einem kollektiven Beschwörungs- und Binderitual entspricht. Es geht vielmehr um die Hinwendung des Einzelnen an das Numinose; seinem Versuch, sein Leben in den Dienst der Gottheit zu stellen, das heißt, sich ihr als ihr Geschöpf vollkommen zu unterwerfen. Dieserart Gottesdienst ist Hingabe. Man begreift sich selbst und sein Leben als Opfer an die Gottheit. Ein Lebendopfer, das im Gegensatz zu archaischer Vorzeit nicht mehr geschlachtet, sondern bis zum letzten Atemzug der Herrschaft des Himmlischen unterworfen bleibt. Er ist der Wein, wir sind der Kelch, unser Leben seine Erfüllung. Dies wäre ein Ansatz, wie wahrer Gottesdienst verstanden werden sollte. Dass er so verstanden mehrheitlich nicht gelebt wird, schafft die Voraussetzung für das zeremonielle Brimborium. Es ist eine Sühne- und Versöhnungsgeste gegenüber der vernachlässigten Gottheit. Nimmt sie das Opfer an, sind wir Gerechtfertigte. Und da wir einst als Kain unseren Bruder Abel erschlagen hatten, blieben wir fortan allein diejenigen, die dem Demiurgen[5] opferten. Insofern ist unser Opfer für Ihn ohne Alternative.

Allerdings sind sich die Theologen gleich welcher Kategorie darüber einig, dass ein solcher Kuhhandel mit der Gottheit kaum genügt, um sich der Seligkeit gewiss sein zu dürfen. Es braucht auch unsererseits Erfüllung, wir müssen den Wein, sprich den Heiligen Geist, in uns wirkend spüren, der göttlichen Präsenz und der Kommunikation mit ihr gewiss sein. Folgerecht wollen wir vorbereitet sein, damit uns der Geist erfüllt und begnadet. Also sollten wir uns reinigen, unsere Seele auskehren und den Tempel, unser Herz, für ihn frei halten. Kein persönlicher Schatten darf sich fortan mit dem Geist vermischen. Fließt er durch uns wie Wein in den Kelch, werden wir zu seinem Quell und somit unserer Schöpfung und dem Auftrag unseres Hierseins gerecht. Wir werden wahrhaft Gerechtfertigte.

Dies ist die Haltung spiritueller Eliten. Ihr elitärer Habitus ist fern von allem Gewöhnlichen und doch so uniform, dass er heute wie einst und in allen Kulturen stets von gleicher Güte ist. Ihr Grundgedanke ist: Eine spirituelle Lebensführung muss, will sie dem Himmel zustreben, über den irdischen Dingen stehen. Alles Irdische ist folglich Lug und Trug, Teufelswerk, allein geschaffen, um uns von unserer Hingabe an das Himmlische abzulenken ‑ gewissermaßen die Prüfung der Gerechten. Wer sie besteht, wird erhöht, er wird zur „Leuchte“ unter den Menschen. Dementsprechend entwickelt man Verhaltensweisen, um diesem Anspruch auch für sich selbst zu genügen. Weltverneinung und Askese scheint der Königsweg zu sein, auf dem man seinem Gott gebührenden Dienst erweist. Askese bedeutet vor allem sexuelle Kasteiung, am besten gar keinen Sex, und wenn, dann allenfalls im Dienste des Höchsten. Je nach Kulturkreis beschränkt sich dieserart Sexualität aufs Kindermachen, wie dies der Papst empfiehlt, oder auf rituelle Praktiken, bei denen man die Seelen- und Lebensenergie des Sexualpartners absaugt, was hauptsächlich im Tantrismus praktiziert wird. Eine von der Idee her männliche Praktik, denn Voraussetzung hierfür ist ein trockener Orgasmus; das heißt, der Mann ejakuliert bewusst nicht, sondern imaginiert während seines Orgasmus, dass er die Scheidenfeuchte der Frau und damit ihre Energie mit seinem Penis aufnimmt. Im Grunde wird damit hier wie dort besagt, dass nur ein Mann Gott dienen kann, während eine Frau ‑ sofern sie nicht vollkommen keusch lebt ‑ dem Höchsten nur indirekt zu dienen vermag, indem sie dem Mann dient.

Weitere Aspekte der Askese bestehen hauptsächlich darin, sich das Leben möglichst unbequem zu machen, denn nur wer im Leben nichts zu lachen hat, darf darauf hoffen, dass er nach seinem Tod in himmlisches Gelächter ausbrechen wird. Ein Trost, der kirchlicherseits gerne den Armen gespendet wird, auf dass sie die Reichen in Frieden reich sterben lassen; schließlich ist es die Aufgabe jeder Religion, die Hierarchien als himmlisches Gesetz zu behaupten und zu verteidigen. Freiwillige Armut allerdings ist im Gegensatz zur banalen Not ein hohes Gut. Verzicht, weil man dadurch dem Himmel näher als der Erde rückt, wird zum unmittelbaren spirituellen Reichtum. Da dürfen die Hemden kratzen, die Schuhe drücken, das Bett hart und das Mahl fad sein. Da versagt man sich auch den bürgerlichen kulturellen Vergnügen und studiert stattdessen die Schriften der Meister und Heiligen, sucht Gesellschaft nur noch im Kreise Gleichgesinnter und stiert stundenlang meditierend vor sich hin. Man ist Mystiker und das Leben ist fortan ein fortwährendes Mysterium großer Gefühle, ausgeglichener Temperamente und mäßiger Gedanken. In jedem Falle aber steht man wie die Feuerwehr tagein, tagaus ohne Unterbrechung im Dienst der Gottheit ‑ mancher Sadhu[6] steht hierfür sein Leben lang auf einem Bein. Permanente transzendente Bereitschaft für das Numinose wird den Asketen zur süßen Pflicht.

Ob dem narzisstischen Gott diese Art von Gottesdienst gefällt, wird dabei vom Eiferer nicht hinterfragt, denn ihm geht es weniger um die Befindlichkeit seines Gottes als vielmehr um die Befriedigung seines eigenen narzisstischen Anspruchs. In dieser Hinsicht bleibt er seinem Gott gleich. Er gewinnt seine Seligkeit weder durch Demut noch durch Begnadung, auch wenn er sich diese Verfassungen selbstverständlich zuspricht und gerne im Munde führt. Seine Seligkeit ist eine selbstverdiente, durch seine Inbrunst bewirkte; durch sie hob er sich über die Gemeinen, durch sie wurde er zum inkarnierten Gott. Das ist keine Blasphemie, sondern nur die notwendige Folge seiner Näherung an das Höchste, die in der abschließenden vollkommenen Angleichung gültige Vollendung findet. Dieser Prozess basiert auf Willen, Leistung und Beständigkeit.

Dass es im Grunde ein egomanisches Kuckucksverhalten ist, das ich hier den Verklärten nachsage, soll den Erleuchteten selbst nicht scheren. Er hat seine Brüder erfolgreich aus dem Nest gedrängt. Nunmehr hat er die Vaterliebe für sich allein. Dass diese Liebe durch Lieblosigkeit sich selbst und anderen gegenüber erkauft wurde, muss ihn nicht kümmern, wo ihm sein Gott gleich und somit gleichermaßen lieblos ist. Was beide für Liebe halten, ist lediglich der narzisstische Abglanz, an dem sie sich gemeinsam wärmen. Beide sind gegenseitig fordernd, beide bleiben in ihrem Selbstgespräch verschlossen, beide blicken auf sich, um den anderen zu erkennen. Angesichts dieser kalten Verschlossenheit bleibt uns als Trost nur die Einsicht, dass Gott nicht tot, sondern menschlich und somit sterblich ist. Wäre es anders, könnte ich meine Gedanken nicht über die bislang gegebene autopoietische Zustandsbeschreibung der seit alters bestehenden Gottesverehrung fortführen und mein Gesagtes bliebe billiger Spott. Doch da unser Gott sterblich ist, haben wir eine reele Chance, die Transzendenz hinter ihm und nicht wie bislang deren Abglanz in ihm zu erkennen. Der Weg dorthin ist einfach, wir müssen ihn nur sterben lassen; und er stirbt schnell, solange wir nur den Mut besitzen, seine Sterblichkeit ohne jeden Zweifel zu bejahen. – Am Sterbebett der Götter werden wir erwachsen – dies wäre wahre Eschatologie.

 

 



[1] Der Begriff „Salutogenese“ wurde von dem Soziologen Aaron Antonovsky (1923-1994) in den 70er-Jahren geprägt. Er meinte damit den Prozess der Gesundung und Gesunderhaltung im Gegensatz zur Pathogenese. Ein wesentlicher Aspekt der Salutogenese ist ein entwickeltes Kohärenzgefühl. Es steht für die Bejahung von Mitwelt, Lebensgestaltung und Lebenssinn. Gottvertrauen ist dafür ein guter Grund.

[2] Menschen mit dieser psychischen Störung leiden nach außen an Selbstüberschätzung, während es ihnen gleichzeitig innerlich an Selbstbewusstsein mangelt. Demzufolge reagieren sie äußerst empfindlich auf Kritik.

[3] Freud, Sigmund: Die Zukunft einer Illusion; Wien, 1927.

[4] Archonten sind erzengelgleiche Wesenheiten, je nach Gesichtspunkt von guter oder schlechter Kraft. Emanation ist der Ausfluss aus dem Ureinen, das als Gott oder Sphäre Gestalt annimmt.

[5] Der Demiurg (griech. Handwerker) ist nach Platon der Weltenschöpfer, der dem Bauplan der Ideen folgte. Im Verständnis der Gnostiker war er der lichtlose Schöpfergott des Alten Testaments, der den Menschen die erlösende Erkenntnis vorenthielt, um ihn ganz an die Dunkelheit zu fesseln.

[6] Sadhus sind indische Wandermönche, die sich als Gelübde oft bizarre körperliche Beschwernisse auferlegen.